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WMRA 2013 Janske Lazne, CZ - WM Berglauf der Senioren

in Rennberichte 03.09.2013 11:35
von trailpics • 16 Beiträge

Wenn einer eine Reise tut -

dann sollte er sich vorher genau überlegen, ob aus Spass nicht unerwaret Ernst wird.
Im Verlauf unserer bisherigen Trailrunning- und Berglaufsaison ergab sich die ein oder andere Recherche im Netz, wie denn dem bisherigen Top of the Pops, bzw dem Fass der angeschlagene Boden ausgeschlagen werden könnte. Soll heissen, wie wir den mörderischen Inferno Halbmarathon 2013 in der Schweiz überbieten könnten.
An Steigprozent im Verhältnis zu gelaufenen Kilometern war dies kaum zu bewerkstelligen, durch
Qualität der Teilnehmer jedoch durchaus. Flugs war die passende Veranstaltung gefunden:
Weltmeisterschaft im Berglauf für Senioren ab 35 Jahre aufwärts, bis 75 - da hat man noch Zeit zum üben!
Toll, 2 Wochen Vorbereitung, wie sollte das gehen?
Wie regeneriert man sich von einem Lauf, bei dem man a) erstmals erfahren hat, was es bedeutet, am Limit gewesen zu sein und b) wie erzählt man in derselben Zeit seinem Körper, dass er in 14 Tagen ordentlich noch einen drauflegen muss??
Die Strecke ist laut Ausschreibung ungleich leichter, was sie mindestens schneller macht - das ist für langsame Läufer wie mich ein Nachteil, der so gut wie gar nicht auszubügeln ist. Ausser durch trotzdem schneller Laufen, tolle Ausgangslage! Es standen 8,6 km mit zu laufenden 650 m Überhöhung an. Alles deutete auf Waldwege hin, was abermals klassischen normalen Läufern zugute kommt. Nicht uns Unerschrockenen, die Hinfallen, wenn keine Hindernisse da sind, an denen man sich die Zehen so gern blau schlägt :-). Wir haben beschlossen, eine Nacht vorher anzureisen und im Riesengebirge (war da was? Rübezahl!) direkt vor Ort zu kampieren. Die Fahrt verlief unproblematisch, den Reisenden ist angenehm aufgefallen, dass sich in CZ durchaus einiges getan hat, die letzten Jahre. Hervorragende Autobahn und Infrastruktur, bis auf ein Schlagloch mit den Ausmassen eines handelsüblichen Grabes, nur halt nicht so tief. Aber 3 cm bei 120 km/h spürt man auch! Ankunft in Janske Lazne nahe der tschechischen Ostgrenze war um 23:00 Uhr. Zum Test ob noch alles hält, ist Holger erstmal in die Parkplatzabsperrung gerannt, die aus einer 3 m langen Eisenkette besteht. Materialtest bestanden, weiter gings.
Nach einer kurzen Nacht erwachten wir in einer Märchenlandschaft, die sich durchaus als Zuhause von Rübezahl zu erkennen gab: hügelige, bewaldete Hügel und Wälder, aber keine Steine und solche Sachen, die aus dem Berg rauswachsen. Gemütlichkeit allerorten, schnucklige Häuser, mal alt, mal noch älter, mal total alt, aber immer schnucklig. Zwischendrin KGB Ästhetik vom Feinsten. Es könnte Leute geben, die sowas furchtbar finden, wir fanden das toll! Im Anmeldebüro gabs eine dreifache Kontrolle durch Menschen und nicht Maschinen, die sehr menschlich und unmaschinell Ihren Job taten und für Spass bei der Arbeit sorgten, im Hintergrund eine 6 Quadratmeter große Tafel mit allen Teilnehmern aus allen teilnehmenden Ländern, die praktischerweise auf 2 Stühle gestellt war. Passt, wackelt und hat Luft! Alle fühlten sich geadelt und wuschsen um 2 cm! Das Organisations-Büro hatte seinen Sitz gleich neben dem Kino zur Promenade samt Kolonnade, die Umkleidekabine war im Saal des grossen Kinos - allein dieser Umstand ist ein Grund nochmal hierher zu kommen! Zum Kino gehörte das Kinorestaurant mit einer großen Pizza, die grösser ist als alle bekannten Pizzen zusammen, und auch noch prima schmeckt! Wohlan, Angstlevel steigt, wir sind nummeriert, ausgestattet und gechippt, die ersten müssen in die Start-Box.
Es war sehr sympathisch anzusehen, wie völlig unbeschwert Versehrte und Kinder im ersten Block ihr kleines Rennen antraten, teils mit Elektrorollstühlen, teils geschoben von Verwandten, oder einfach wie die Kinder locker drauflos!
Im ersten Starterfeld für uns war mit Dieter Bauer derjenige, der am meisten Erfahrung und die aussichtsreichsten Perspektiven mitbrachte, wir übrigen vier waren nicht so sicher, ob wir noch vor dem Besenwagen ankommen würden. Es war durchaus beängstigend, dass jeder bis auf wenige Ausnahmen bis ins Hohe Alter durchtrainiert war bis auf die Haarspitzen! Dies gilt definitiv auch für die Damen, die am Start waren. Wir postierten uns als Zuschauer beim Lauf der Herren bis 55 am Start der Seilbahn, von wo aus man einen herrlichen Einblick auf eine herrliche Steigung von km 2 auf 3 nehmen konnte. Dieter kam an Platz 14 vorbei. Zu unserer Erleichterung durften wir feststellen, dass das Feld offensichtlich doch aus Menschen Bestand und offensichtlich auch Teilnehmer dabei waren, die nicht davon ausgingen, mit einer Weltmeistermedaille nach Hause zu kommen, auch wenn die zwar unerlaubten, aber nicht zu leugnenden Phantasien a la Sommermärchen, Sektempfang im heimischen Rathaus und ähnlicher Firlefanz auftauchten, ob gewollt oder nicht - es ist halt, wie es ist. Während unseres Einlaufens – wir starteten in Herren / Damen 40 bis 45 – startete unser zweiter Läufer Martin in der Herrenklasse 50, wir sollten ihn erst oben im Zielbereich wiedersehen. Parkplatzkettenkiller Holger verzichtete wie gewöhnlich aufs Einlaufen und fand seine innere Ruhe in abgeschiedener Meditation und Besinnung auf das Wesentliche. Selektion des Gegner durch Analyse der körperlichen Beschaffenheit. Offensichtlich hatte er drei ausgemacht, die entweder dicker oder dünner waren – Garantien sind was anderes, die Hoffnung stirbt zuletzt! Wir vibrierten uns in die Startbox und versprachen uns als gemeinsames Ziel für den Lauf nur, nicht als letzter die Ziellinie zu passieren.
Der Lauf selbst gestaltete sich wie erwartet. Nach ca. 80 flachen Metern kam nach einer Haarnadelkurve eine brutale Betonrampe von ca. 20 Metern, der eine starke Steigung im Wald folgte, die erst bei km 3 eine flache Passage fand die in die Brückenüberquerung mündete und dort den Grossteil aller Läufer zum ersten mal in die Knie, das heisst, zum Gehen zwang. Nach km 3 kam ein 500 m lang flach abfallendes Stück Waldweg teilweise auf Holzwegen befestigt, die man auf Mountainbiketrails vorfindet. Macht Spass und lenkt ab. Lenkt ab davon, dass es ab hier zur Sache ging. Überwiegend auf Forstwegen mäßig bergauf, mal Gehen, mal Laufen, im steten Wechsel zu den Gegnern davor und dahinter, eins vor, eins zurück – meine getrocknete Aprikose half mir da schon mächtig über den ersten Frust hinweg, mein Vordermann aus CZ war zäh wie nochwas, auch wenn er sich ständig – bis ins Ziel hinein – umsah. Von wegen, wer umschaut, hat verloren! Ich passierte km 4 bei 27 Minuten, was bedeutete, dass es mich entweder noch zerreist – oder auch nicht. In diesem Falle wäre das besser, als alle Erwartungen. Nach einem letzten Angriffsversuch, den ich zu früh gestartet hatte, musste ich auf meiner Position verbleiben und konnte auf den letzten flachen Metern noch etwas Tempo aufnehmen. Etwas davor musste man nach der einzigen Verpflegungsstelle zwecks drohendem Tempoverlust entweder trinken oder sich Wasser drüberschütten, um sofort in ein steiles Liftschneisenstück von 200 m zu hecheln. Die letzten beiden Kilometer gestalteten sich flacher als angenommen, was im Nachhinein zu bedauern ist, aber shit happens, wir sind durch die Ziellinie bei einer WM gelaufen, und das lebend! Seinen Namen auf der Anzeigetafel zu sehen, ist erhebend, das sagen Leute, die nicht so oft saugeil sagen, beides ist wahr. Da standen wir nun, erledigt und glücklich auf dem Cerna Hora im Riesengebirge, auf 1250 Meter über dem äusserst untschechischen Meeresspiegel. Alle Männer aus unserem Team inklusive Wolfgang, der sich sowas das erste Mal antat, waren bis über die Ohrwaschl zufrieden mit ihrem Ergebnis und stolz auf das Erbrachte, das Geschehene, Teil der Weltgeschichte zu sein undsoweiter. Die Berglauftruppe der DJK Weiden hat Emotionen aufgeladen und mit Nachhause gebracht, die nicht zu ersetzen sind. Als nächstes grüsst uns der heimische Fischberg-Halbmarathon im Oktober. Und gerne auch Euch!

Sekundärliteratur:
www.maratonstav.cz
www.djkweiden.de (veranstaltungen)
www.laufteamtriathlon.de

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"Benny and the Jets", by Biz Markie http://www.youtube.com/watch?v=8iFYJYwtjpc

zuletzt bearbeitet 03.09.2013 12:03 | nach oben

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RE: WMRA 2013 Janske Lazne, CZ - WM Berglauf der Senioren

in Rennberichte 04.09.2013 14:23
von Holgman
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So geil erzählt - ich fühl mich, als wär ich selbst dabei gewesen

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