#1

Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 29.03.2012 09:24
von Don Downhill • 74 Beiträge

Mit Laufberichten ist das immer so eine Sache.In Regel ist die Anfahrt und das Drumherum wesentlich unterhaltsamer und spannender als das Rennen selbst,da macht dieser Lauf keine Ausnahme.Aber da der Ecotrail 2012 mein erster (und bestimmt nicht mein letzter) Ultralauf war,wird auch die 80Km-Strecke entsprechend gewürdigt werden...

Die Anfahrt:

Nicht zuletzt ein Blick auf die Preise an der Zapfsäule meiner Stammtankstelle und ein paar Mautstellen in Frankreich machen die Entscheidung per Bahn nach Paris zu fahren recht einfach.Auf der Fahrt im ICE 9556 gehe ich nochmal im Geiste meine Checkliste durch und stelle auf Höhe von Saarbrücken fest,dass ich wohl meine Trinkblase zuhause vergessen habe.Ein Anruf bei meiner Göttergattin gibt mir die traurige Bestätigung...Ich hatte das Teil am Tag zuvor noch mal grundgereinigt und zum Trocknen aufgehängt,dummerweise dann auf meiner Liste abgehakt,aber NICHT eingepackt!

Donald,wie bescheuert kann man eigentlich sein?!?!?!?

Solche Anfängerfehler sollten eigentlich nicht passieren,"aber",sage ich mir,nachdem ich aufgehört habe vor Wut in das Kopfteil des Sitzes meines Vordermannes zu beissen, "ich bin ja Anfänger,wem mache ich was vor? Wenn sowas passiert,dann solchen Noobs wie mir." Ich beschliesse das Beste aus der Situation zu machen.Dank UMTS & Netbook sind schnell ein paar Sportgeschäfte in Paris recherchiert,die ich auf der ohnehin geplanten Sightseeingtour abklappern kann.

13:00 Uhr Ankunft am Gare de l’Est.Schnell ein 3-Tagesticket für die Metro gekauft und ab in die Jugendherberge,die leider etwas abseits im 13.Arrondissement liegt.Warum das als "Asiatenviertel" gilt,wird schnell klar,als mir eine Gruppe älterer Vietnamesinnen(?) mit Baguette unterm Arm(!) den Weg weist...

Das Zimmer ist schlicht,um nicht zu sagen spartanisch.Aber die Bad/Dusche/Klo-Combi ist ok.

Kein Loch im Boden für's grosse Geschäft,wie befürchtet und leider schon in Frankreich erlebt.

Wieder in die Metro zum Eiffelturm.Am Zelt des Ecotrails ist eigentlich nicht besonders viel los.Ich hatte mit Menschentrauben gerechnet,aber es verirren sich nur vereinzelt ein paar Leute auf der Expo.Nach Erhalt der Startnummer/-unterlagen will ich noch einen GPS-Chip mieten,aber die Dinger sind leider schon ausgebucht...Schade!

Jetzt beginnt "Mission Trinkblase".Über die Seine zum Trocadero,das obligatorische "Der Eiffelturm und ich"-Foto gemacht und gleich weiter Richtung Champs Elysee.Paris en printemps,ca. 20°C,die Bäume blühen und ein unbeschreiblicher Duft liegt in der Luft.Ich habe ja ein etwas gestörtes Verhältnis zu Frankreich,aber die Leichtigkeit und

Eleganz von Paris ist einfach immer wieder überwältigend.Es gibt so viele Eindrücke und Details zu sehen und zu bestaunen,dass man glatt die Zeit vergisst und sich irgendwann fragt,wie man eigentlich an den Punkt gekommen ist,an dem man gerade steht.

Bei Lepape,einem äusserst schicken Sportladen,finde ich zwar die neueste Salomon-Kollektion,aber leider keine einzelnen Trinkblasen.Die nette Verkäuferin lotst mich aber mittels Frenglish und Google-Maps zum nächsten Decathlon Store zwei Strassen weiter.Die haben nur Camelbaks im Angebot,aber es ist schon spät und ich habe keine Lust mehr woanders zu suchen um dann vielleicht nochmals hierher zurück zu müssen.

Kurzentschlossen kaufe ich noch ein paar Müsliriegel und fahre zurück in mein Viertel,wo ich in einem dubiosen Import/Export/Internet/Getränkeladen noch Wasser besorge,bei dem ich hoffe,dass es nicht im Hinterhof abgefüllt wurde.In einer Brasserie verschlinge ich eine grosse Portion Tagliatelle mit Lachs,spüle das ganze mit einem Heinecken herunter,lasse den Tag Revue passieren und bin eigentlich ganz zufrieden mit dem bisherigen Ablauf...In meinem Zimmer richte ich die Rucksäcke,bereite die Trinkblase,Gelpaks und Flaschen mit Wasser/Iso,Gel und Pronin vor und verpacke die Wechselkleidung wasserdicht (es ist zwar kein Regen angesagt,aber ich gehe kein Risiko ein.Wenn ich eines hasse,dann in nasse Klamotten steigen!!!).Zufrieden schlafe ich ein und wache nach einem traumlosen Komaschlaf noch vor dem Wecker um kurz vor 700 Uhr auf.Das Frühstück besteht aus Kaffe,Croissant,Joghurt und Banane.Zusätlich noch ein Powerbar Riegel...der Tag wird lang!Sicherheitshalber checke ich nochmals die Ausrüstung;wenn ich jetzt was Wichtiges vergesse,habe ich beim Rennen ein Problem...

Bepackt wie ein Esel mache ich mich mit der Metro auf den Weg zum Champ de Mars,von wo der RER C-Zug nach St Quentin-en-Yvelines abgeht.Eine Riesentraube Trailrunner steht schon am Bahnsteig.Es ist ein grosses Hallo und Küsschen-auf-die-Wange-geben.Scheinbar kennen die sich alle,doch ich fühle mich in dieser Menge von buntgekleideten Waldgladiatoren gleich wohl.Alle scheinen vor Energie zu bersten und flachsen herum.Im Zug werde ich natürlich auf meinen Namen und die Herkunft angesprochen und wie immer müssen Hände,Füsse und Frenglish die Sprachbarriere überwinden.Umsteigen in den Bus zum See Base Régionale de Loisirs.Alle sind gutgelaunt und ein Spassvogel im gestreiften Sträflingsoutfit (inkl.Kette und Kugel) und entsprechend gefärbten Haaren bringt den ganzen Bus zum kollektiven Lachanfall!Dieser Irre läuft wirklich den 80er in dieser Kluft!

Endlich Ankunft am Startpunkt,eine grosse Grassfläche,natürlich viel zu früh!

Noch einen Kaffee und eine Scheibe Honigbrot,das überall angeboten wird...lecker!Die Sonne steigt jetzt immer höher und verheisst einen weiteren warmen Tag,was wir später noch zu spüren bekommen werden.

Beim Herumschlendern treffe ich Holger aka Holger Metal-Kopp,einen Trailfreak,den ich über Facebook kennengelernt habe.Ein sehr symphatischer Zeitgenosse (wie fast alle Menschen,die "Machine Head" mögen"),der schon diverse Ultras auf dem Buckel hat und gerne eine Zeit unter 10 Stunden laufen würde.Ich bin da für meinen Teil etwas zurückhaltender und nuschele etwas von 10-11 Stunden.Erster Ultra,das Alter,Rücken etc...du weisst schon.Wir fachsimpeln noch ein bisschen über unsere für 2012 geplanten Läufe und Strecken,Equipment usw. bis uns eine Ansage unterbricht.Den betroffenen Gesichtern aller Anwesenden nach geht es um den Terroranschlag von Toulouse und kurz darauf stehen wir 2000 Läufer alle für eine Minute schweigend auf dem riesigen Feld,in Trauer vereint.Es klingt abgedroschen,aber man könnte wirklich eine Stecknadel fallen hören.Nach diesem ergreifenden Moment werden nochmals die Favoriten vorgestellt(glaube ich zumindest;ich höre mehrmals "Manu Gault")und Punkt 12 wird nach einem gemeinsam gegröhlten Countdown der Start freigegeben.

Das Rennen:

Das Stoppelfeld am Start strotz nur so von Löchern und Maulwurfhügeln.Auch wenn das Tempo vernünftigerweise recht niederig ist,mache ich mir doch Sorgen.Ein Fehltritt hier und der Lauf ist nach 500 Metern beendet...Endlich geht es auf die eigentliche Strecke.Zunächst ein Wanderweg um den See,wo Holger und ich gleich ein paar Plätze gut machen.Wir laufen eigentlich nicht besonders flott,aber das Gesamtfeld ist irgendwie in einem kollektiven 7:30er Schlurfschritt verfallen.Die Strecke ist bis jetzt ziemlich anspruchslos,aber als die ersten waldigen Hügelpassagen kommen,stecken wir öfters in einem Pulk fest,an dem man nur mit beherztem Antritt und vielen "sorrys" vorbeikommt.Während eines dieser Überholmanöver verliere ich für einen Moment Holger aus den Augen und sehe ihn kurze Zeit später schon ca.150 Meter vor mir davonpreschen."Der Mann meint es ernst mit seiner "Unter 10Std.-Mission" ",denke ich mir und lasse ihn ziehen.Ich würde bei einer Aufholjagd nur unnötig Energie verschwenden und über die Gesamtspanne kann ich sein Tempo wahrscheinlich eh nicht mitgehen.Also Viel Glück,Holger! (Er hat das Rennen dann tatsächlich in 09:06 Std. als 322.er beendet...eine ganz harte Nummer,dieser Typ! )

Bei KM22 in Buc ist die erste Verpflegungsstation.Normalerweise würde ich mich hier nicht lange aufhalten,aber der Streckenplan zeigt,dass es erst bei KM47 das nächste Wasser gibt.Das dazwischenliegende Höhenprofil gibt mir zu denken,also erst mal um eine Flasche Wasser gekämpft und die Vorräte aufgefüllt.Interessanterweise werden hier die meisten der DNF(did not finish)-Läufer aussteigen,seltsam!!!...Noch schnell bei Facebook den Status gepostet und weiter geht's.Nach einem Kilometer habe ich das Gefühl,dass irgendwas nicht stimmt.Der Trinkschlauch baumelt blöd vor meinem Gesicht herum und lässt sich nicht gut verstauen.Rucksack runter und nachgeschaut: Ich Depp habe eben den Schlauch nicht richtig verlegt und verliere wieder ein paar Dutzend Plätze,während ich fluchend das Malheur richte.Nicht ärgern...Weiter...

Es fällt auf,dass die Strecke zwar gut markiert ist,aber jegliche KM-Angaben fehlen.Ich kann immer nur ahnen,ob wir jetzt bei KM30 oder schon bei KM38 sind.Etwas gewöhnungsbedürftig,zumal ich in meinem Handy wg. der Länge des Rennens und um den Akku zu schonen das GPS-Tracking deaktiviert habe.Es folgt bald eine Serie von steilen 150meter-Anstiegen,bei denen ich auch desöfteren in einem Pulk gefangen bin,der sich nicht überholen lässt.Die Temperatur hat längst die 20°C Grenze geknackt und macht mir doch zu schaffen.Vor 4 Wochen bin ich noch bei -17°C Grad im Taunus gelaufen!!!

"Ruhig bleiben,irgendwann entzerrt sich das Feld.Dann hast du freie Bahn",sage ich mir und trotte mit der Meute die unzähligen Höhenmeter hoch.Das niedrige Tempo bergauf hat aber auch Vorteile: Am höchsten Punkt angekommen müssen viele Mitstreiter erstmal durchatmen,manche sind jetzt schon stehend K.O.. Die unzähligen Altkönigläufe machen sich jetzt bezahlt!!!Ich kann immer direkt weiterlaufen und beim Downhill sogar richtig Dampf machen.Die Strecke ist an diesem Abschnitt aber ziemlich eintönig.Die Hügel und Downhills wechseln sich in rascher Reihenfolge ab und mehr als einmal denke ich,dass ich diese oder jene Stelle schon einmal passiert habe.Nur ein paar wenige schöne Singletrail-Passagen und das famose Publikum lassen das Läuferherz aufgehen.Jeder Läufer wird namentlich angefeuert und nach einem "Bravo,Donald!Courage!" läuft es sich schon leichter.Nach 5 Std.40Min erreiche ich KM47,wo es planmässig nur Wasser zum Auffüllen gibt.Ich wechsele mein salzverkrustetes Trikot gegen ein frisches und mixe mir gleich noch eine Flasche Peronin,da ich von den (vielen) Gels doch langsam die befürchteten Magenschmerzen bekomme."Die Beine sind ok,die Birne auch und in 10Km gibt es was zu Essen".Mit diesen Gedanken renne ich den Berg hinunter,um nach einem weiteren Kilometer heftige Magenkrämpfe zu bekommen.Jeder Schritt tut übelst weh und erschüttert mich bis ins Mark.Ich muss nun gehen und hoffe,dass das nur eine kurze Schwächeperiode ist.Ich habe mit so etwas gerechnet und mich schon im Vorfeld geistig darauf eingestellt.Dass ein Einbruch kommen würde,war klar...aber so früh?Unzählige Läufer ziehen jetzt frisch gestärkt an mir vorbei,während ich verzweifelt immer wieder versuche zum Laufen überzugehen.Aber die Schmerzen sind wirklich krass und muss mich mit "Powerwalking" begnügen...das wäre nicht weiter schlimm,aber ich habe das Gefühl in diesem Tempo die diversen Zeitlimits an den Kontrollpunkten nicht zu schaffen.Das ist mein grösster Albtraum: wg. Zeitüberschreitung bei KM67 oder so disqualifiziert zu werden...Nach einer halben Stunde habe ich aber plötzlich das Gefühl,als wäre das Schlimmste vorüber und ein vorsichtiger Anlauf zu höherem Tempo wird nicht mit Schmerz und Übelkeit belohnt.

Anscheinend habe ich es überstanden und die Jagd auf das Finisher-Shirt kann weitergehen.Endlich KM55,wo es wieder was zu essen gibt.Die Verpflegungsstelle gleicht eigentlich mehr einem Kriegslazarett,überall werden Blasen aufgestochen,Verbände gewechselt und Knöchel getaped.Gerade als ich meinen Becher Suppe inhalieren will,erbricht sich ein armer Teufel direkt neben mir in die Mülltonne .Irgendwie habe ich keinen Appetit mehr...Ich greife mir ein paar paar Riegel,Rosinen und Wasser und hole meine Stirnlampe heraus,da es inzwischen ziemlich dunkel geworden ist.

Kaum wieder im Wald bemerke ich,dass meine Lampe erheblich weniger Licht abgibt als die der Anderen.Verdammt,die Batterien geben ausgerechnet jetzt den Geist auf.Mein Versuch sie im Dunkeln zu wechseln scheitert kläglich und so muss ich mit der Notlampe durch den nun komplett nachtschwarzen Wald stolpern.Zu meinem grossen Glück kommt nach einer Weile der "Silva Sprint" Fanclub (so nenne ich die drei Jungs von nun an )herangestürmt.Jeder von ihnen hat eines dieser Meisterwerke der mobilen Outdoor-Illumination auf dem Schädel und gemeinsam verwandeln sie den Wald in eine gespenstische Kathedrale aus strahlenden Bäumen.Diese Gelegenheit muss ich nutzen und hänge mich an die Truppe."Die haben ihre Suppe brav aufgegessen",denke ich,da sie ein für dieses Stadium des Rennes sehr hohes Tempo laufen.Es schmerzt zwar,aber das zwischendurch immer wieder zugeführte Peronin hat meine Speicher wieder halbwegs aufgefüllt.Wie ein ein Bahnradfahrerquartett wechseln sich die Jungs bei der Führung ab und halten so das Tempo hoch und ich komme mir ein bisschen wie ein Schmarotzer vor.Aber ausser gutem Willem und meiner Notfunzel kann ich leider nichts beitragen...So komme ich im Schlepptau dieses Trios bei KM67 an.Hier oben in Domaine National St-Cloud,einem Park mit atemberaubenden Blick auf Paris ist es empfindlich kühl.Ich ziehe schnell mein Longsleeve und die Jacke an,wechsele endlich die Batterien meiner Stirnlampe und esse endlich eine Suppe und zwei Becher mit Fruchtmus.

Mir ist jetzt so mollig warm und ich bin so hundemüde,dass ich mich am liebsten zusammengerollt auf den Boden legen und für immer die Augen schliessen würde.Ich bin wirklich fix und alle." Sagt meinem Sohn und meiner Frau,dass ich sie liebe..." und zum Sterben liegen lassen...Ein schöner Heldentod...leider nur im Film.Hier gibt es nur die Wahl: weiterlaufen oder in Schande mit dem Losershuttle zurück nach Paris und dann vom Turm springen.Ich phantasiere noch ein bisschen vor mich hin,während die Minuten verrinnen.Irgendwann zieht die Kälte doch wieder durch die Klamotten und meine Beine und Hände zittern."Beweg' dich,Trinity"..."BEWEG' DICH!" Am Nachthimmel kreist das Leuchtfeuer des Eiffelturms und Paris glitzert und funkelt so verlockend,dass ich mich zumindest an den langen Balkon des Parks stelle und vor mir hinunter starre.Und dann passiert das vollkommen Verrückte:Der Eiffelturm erstrahlt von einer Sekunde auf die nächste in tausenden von Lichtern und Farben,wird gleichzeitig angestrahlt und ist Lichtquelle zugleich.Wie eine Rakete aus einem psychedelischen Traum kurz vor dem Abheben.Ich bin wie vom Donner gerührt und wie Richard Dreyfuss in "Close encounters" fühle ich mich dorthin gezogen.Natürlich ist das alles totaler Quatsch und ich lache mehr als einmal über mich selbst.Aber die Psyche ist ein fragiles Ding und bevor ich womöglicherweise nackig und grunzend aus dem Wald ins Arkham Asylum überführt werde,mache ich mich hurtig auf den Weg...

In Rekordzeit haste ich den Berg runter an die Seine,wo wir über verschlungene Pfade zum Ziel geleitet werden.Jetzt,mit dem weithin sichtbaren Turm vor Augen,sind alle Schmerzen und Zweifel vergessen."Sexy Eiffel Tower" heisst mein Mantra jetzt.Ich muss zwar gelegentlich zum Walken übergehen,aber ich bin gut in der Zeit und würde jetzt sogar noch auf allen Vieren rechtzeitig vor 0100 Uhr ankommen.Jetzt steht auch wieder mehr Publikum am Strassenrand."Courage!" Allez,Donald!!!" Das mobilisiert die letzten Kräfte.Ich LAUFE tatsächlich mit Gänsehaut die letzten Kilometer an und auf den Inseln der Seine Richtung Ziel und erreiche um kurz nach 2300Uhr mit Tränen in den Augen den Eiffelturm,wo totales Tohuwabohu herrscht.Unter Lebensgefahr den nicht gesperrten Quai Branly überquert und dann durch ein Spalier mit aufgeputschtem Publikum.Wie in Trance betrete ich das Treppenhaus und muss auf den 168 Stufen nach oben immer wieder mal kurz sitzen,so ausgebrannt bin ich.Irgendwann erblicke ich dann doch den Zielbogen,wo gerade ein TV-Team irgendwen interviewt.Ich schleiche über die Ziellinie,hole mein Finisher-Shirt und ein Bier und setze mich auf einen freien Stuhl.Die Anzahl meiner AKTIVEN Gehirnzellen und Synapsen kann man in diesem Moment wahrscheinlich an einer Hand abzählen...Jemand vom Veranstalterteam zerrt mich nochmals zum Zielbereich,weil anscheinend meine Zeit nicht richtig gestoppt wurde.Ist mir alles scheissegal...ich sitze jetzt hier,trinke mein Bier,kotze es wieder aus,hole mir ein neues und dann möchte ich eigentlich nur noch runter vom Eiffelturm.Ich explodiere förmlich vor widersprüchlichen Gefühlen,von absolutem Glücksgefühl bis absoluter Leere ist alles vertreten.Den überfüllten Aufzug erspare ich mir und laufe langsam die Treppen am Gegenpfeiler wieder hinunter.Jetzt,langsam dämmert es mir: ICH HABE ES GESCHAFFT!ICH BIN DIE VERDAMMTEN 80KM HIERHER GELAUFEN!SCHEISS AUF DIE ZEIT!SCHEISS AUF DIE SCHMERZEN!NIEMAND KANN MIR DAS NEHMEN!UND DIE ZUGSPITZE SCHAFFE ICH AUCH,DAS WÄRE JA GELACHT!!!!....

Auf dem Weg zu den Duschen im Sportzentrum werde ich mehrmals freundlich geklapst und geschubst und wildfremde Menschen gratulieren mir zu meinem Erfolg.Ich sehe wahrscheinlich aus wie ein geisteskranker Zombie,aber die die Leute scheint das nicht zu stören und so bessert sich meine geistige Verfassung von Minute zu Minute.Das Buffet lasse ich trotzdem aus,ich würde jetzt keinen Bissen herunterbekommen und möchte nur noch schlafen.Also zurück in die Jugendherberge,wo ich feststelle,dass man daheim wirklich den Lauf verfolgt hat.Nach gefühlten 200mal "Like"-Button drücken will ich eigentlich ins Koma fallen,aber irgendetwas nagt im Hinterkopf...Natürlich! Die dumme Zeitumstellung!Schnell alle Uhren umgestellt;keine Lust zu verpennen und die Kammer noch einen Tag länger zu bezahlen.Endlich mache ich ich die Augen zu und träume von der Zugspitze,laufenden Club-Sandwiches,Schneeschuhrennen in Alaska,Arc'teryx als meinem Sponsor(mit Autogrammstunden in Hong Kong,Singapur und Tokyo) und noch mehr wirres Zeug.

Epilog:

Den Sonntag verbringe ich,nachdem ich meine Taschen für unverschämte 9,50€ am Bahnhof deponiert habe,mit üppig Frühstücken,Sightseeing,Eis essen,Sightseeing,Bier trinken,Sightseeing ,etc. und führe dabei natürlich stolz mein Finisher-Shirt spazieren.Meine Beine sind seltsamerweise überhaupt nicht müde oder platt.

Am Elyseepalast weiss die Schutzpolizei mit mir als vollbärtigem Dunkelhäutigen mit Rucksack nicht so recht was anzufangen,die Stimmung ist recht angespannt und so frage ich nett nach dem Weg zum Louvre(den ich natürlich kenne) und entspanne die Situation mit einem "God save the Queen!"Das Finisher-Shirt wird gleich zum Anlass genommen,mir die Fremdenlegion ans Herz zu legen,aber ich lehne dankend ab...

Nach diversen weiteren Sightseeingstationen sitze ich dann doch irgendwann kaputt

im Zug nach Frankfurt und träume vor mich hin...

Paris,Ich wäre gern noch länger geblieben,aber ich komme bestimmt wieder.

Vous voyez en 2013!!!

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#2

RE: Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 29.03.2012 13:17
von running mom • 214 Beiträge

Danke für den tollen Bericht, Donald!!!!
Und Gratulation und allergrößten Respekt!

Für mich, die ich noch nicht einmal im Leben auch nur die Marathonstrecke gelaufen bin (aber kann ja noch werden...), war es total interessant zu lesen, wie man sich so fühlt bei so einem Ultralauf. Die ganze Gefühlsachterbahn rauf und runter und wieder zurück!

Bei dem Abschnitt über deinen Zieleinlauf sind hier Tränchen geflossen, so gerührt war ich. Du hast das alles so lebendig beschrieben, man konnte es fast bildlich vor sich sehen...

Dann hat dich das Ultra-Virus jetzt wohl gepackt und wir können uns schon darauf freuen, bald deinen Bericht über den ZUT (mit oder ohne Arc'teryx als Sponsor ) zu lesen.

Grüße Katja

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#3

RE: Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 29.03.2012 16:35
von Don Downhill • 74 Beiträge

Danke,Katja!
Tatsächlich habe ich nach Jahren sportlicher Enthaltsamkeit (früher mal Fussball) und vielen Zigaretten und Alkohol erst letztes Jahr angefangen zu laufen.Eigentlich,weil ich einer zu krassen Gewichtszunahme während des Nikotinentzugs vorbeugen wollte.Ein alter Freund hat mich für's Trailrunning angefixt und das Trailmagazin hat dann den Rest erledigt!
Unvernünftigerweise habe ich mich gleich für den Zugspitzultra 2012 angemeldet und sofort ein rigoroses Training gestartet.
(bei Regen,Schnee,in der Nacht,morgens nach der Nachtschicht usw. KEINE AUSREDEN!!!)
Irgendwie sind die Distanzen recht schnell immer höher geworden und im Januar bin ich privat meinen eigenen ersten Ultra
gelaufen (47Km im Taunus).Jeder Arzt (und "normale" Mensch) wird von so einer Vorgehensweise natürlich abraten und es ist auch wirklich recht anstrengend.Aber es ist erstaunlich,was der Körper alles mitmacht,wenn der Kopf es unbedingt will.
Ich hätte mir das vor einem Jahr für mich auch noch nicht vorstellen können,aber es hat funktioniert...Insofern sehe ich jetzt der Zugspitze mit einer gehörigen Portion Respekt,aber der Gewissheit entgegen,dass ich es packen KANN,wenn der Kopf mitmacht und ich micht nicht verletzte.
Grüsse aus Frankfurt
und keep on Running

Don

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#4

RE: Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 29.03.2012 17:17
von running mom • 214 Beiträge

Haha, super, genauso gings bei mir auch los, nur dass Strecke und Höhenmeter bei mir langsamer voranschreiten müssen... Hab auch vor gut 5 Jahren nach 25 J. das Rauchen aufgehört und das Gewicht ist nach oben geschossen, frag nicht. Dann hab ich nach jahrelanger Pause wieder angefangen zu laufen, musste aber wegen immer wiederkehrender Knieprobleme oft längere Zeit pausieren. Bis ich dann nen Bericht über Trailrunning gelesen hab und dachte: "Hey, das ist doch das, was mir immer so Spaß macht, im Wald über Stock und Stein..." . Dann kam auch eins zum anderen, hab bißchen gegoogelt und festgestellt, dass da mehr geht, viel mehr... Seit ich nicht mehr auf Asphalt laufe, ist auch mein Knie viiiiiel besser. Laufe jetzt aber trotzdem am Wochenende nen Halbmarathon *rotwerdundzubodenguck*, weil ich da schon angemeldet war, bevor mich das Trailvirus infiziert hat. Na ja, wenn Knie und seit 3 Tagen seltsam geschwollener Knöchel durchhalten, werd ich wenigstens nachweisen, dass man auch mit ausschließlich Trailrunning schneller werden kann ohne Tempotraining und diese ganzen spaßbremsenden Lästigkeiten... hoff ich jedenfalls. Es gibt ja jetzt auch nicht so wahnsinnig viele Trailveranstaltungen, die kurz und flach genug für mich sind, mal sehen, wenn ich im Frühjahr und Sommer fleißig bin vielleicht der Trail-Maniak (die 30 km) im September. Wäre jedenfalls ein Ansporn.
Grüße zurück...
Katja

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#5

RE: Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 30.03.2012 06:58
von Trailrunning-Rocks • 201 Beiträge

so hab auch brav meinen Bericht geschrieben:

http://transalpinrun-metalhead.blogspot....ch-vive-le.html

Rock N Trail


Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.
(Johann Wolfgang von Goethe)

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#6

RE: Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 03.04.2012 15:08
von M@ikel • 100 Beiträge

Donald, ich verneige mich vor deiner Leistung , gerade nachdem ich jetzt noch gelesen habe dass du erst seit einem Jahr läufst!

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#7

RE: Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 03.04.2012 15:50
von bloodlet • 173 Beiträge

Donald, du bist ja unfassbar. Ganz tolle Leistung.

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#8

RE: Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 03.04.2012 16:03
von Don Downhill • 74 Beiträge

Nochmals vielen Dank,Leute!
see you @Zugspitze...

Don


"What goes up must run down" - Don Downhill

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#9

RE: Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 03.04.2012 18:46
von weltenbummlerontour • 46 Beiträge

Cooler Bericht.
Wie lang wird erst dein Bericht beim Zugspitz Ultratrail.
Freu mich jetzt sch darauf.

Wir sehen uns in Grainau :-)

Thomas

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#10

RE: Paris en printemps- Epic Edition - Ecotrail de Paris Ile-de-France 2012

in Rennberichte 14.04.2012 19:51
von cosmopolli • 240 Beiträge

Zitat
Jemand vom Veranstalterteam zerrt mich nochmals zum Zielbereich,weil anscheinend meine Zeit nicht richtig gestoppt wurde.Ist mir alles scheissegal...ich sitze jetzt hier,trinke mein Bier,kotze es wieder aus,hole mir ein neues und dann möchte ich eigentlich nur noch runter vom Eiffelturm.



Echt geiler Bericht
und super Leistung wenn du grad mal nen Jahr von der Couch unten bist - RESPEKT!

Bis Grainau!
Olli


on the way to chamonix

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