#1

ZUT 2011

in Rennberichte 06.05.2012 16:54
von coco87 • 42 Beiträge

der bericht wird wahrscheinlich auch bald im runners world kommen :) viel spaß beim lesen (hab meinen bericht als datei anghängt)

lg


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zuletzt bearbeitet 06.05.2012 16:55 | nach oben

#2

RE: ZUT 2011

in Rennberichte 06.05.2012 17:08
von coco87 • 42 Beiträge

nachdem i ned weiß, bzw ma ned sicher bin, ob ma das jetz lesen kann oder nicht, schreib ichs einfach so rein:


MEIN ERSTES MAL
beim SALOMON ZUGSPITZ ULTRATRAIL


18h 03min 17,3sec
- - und hundert Momente für die Ewigkeit

„Das Gefühl, wenn der Geist den Körper verlässt – Das ist Ultralaufen.“
( Unbekannt)


Es ist Montag, der 27.06.2011 abends. Ich sitze vorm PC auf der Wachstube, mitten im 1. Bezirk in Wien und starr auf den Monitor. Meine Fußsohlen tun in den Schuhen noch immer weh.
Ich fall in ein Loch. Wie ein GI der nach seinem Auslandseinsatz wieder nach Hause kommt und nichts mit sich anzufangen weiß weil seine Aufgabe erfüllt ist und er nun auf sein nächstes Abenteuer wartet.
Mit Wehmut muss ich feststellen, der Alltag hat mich wieder. So viele Bilder, die seit letztem Samstag durch meinen Kopf schwirren und mich nicht mehr los lassen.


Und wieder bleib ich kurz stehen, schau über meine Schulter zurück. Mein Blick wandert über ein Tal in Tirol, dass ich gerade hinter mir lasse. Ein traumhafter Ausblick! Als hätte ich ihn in meinen Träumen ausgemalt. Links und rechts ragen die heimischen Bergspitzen der Alpen in die Höhe. Mein Lieblingsbundesland unter meinen Füßen. 30 KM seit ich in der Früh von Grainau gestartet bin habe ich bereits hinter mich gebracht. Und unglaubliche 70 KM die noch vor mir liegen. Dabei bin ich bei den Bergpassagen jetzt schon mächtig am kämpfen. So steile und lange Anstiege bin ich als Niederösterreicherin nicht gewöhnt.
Blick wieder nach vorne. Das „65 KM TO GO“ Schild kommt und kommt nicht. Ich weiß, dass ich es nicht übersehen habe. Aber ich wünschte mir, es wäre so.

Angekommen bei der Hämmermoosalm, Verpflegungsstation 4; ein Rescueteam Helfer füllt mir liebenswürdigerweise mein Camelback nach (mittlerweile habe ich 5l getrunken). Ich schau zum ersten Mal im Höhenprofil der Strecke nach. 58 KM noch vor mir. Meine Kräfte gehen langsam zu Ende. Es könnte doch bald vorbei sein, oder? Der Rescueteam Helfer macht mir Mut; ich bin bei den Damen im vorderen Viertel des Rankings. Er gratuliert mir zu meiner Leistung bis jetzt. Dabei bin ich noch nicht mal bei der Hälfte und alles, das ich will, ist einfach nur das Ziel zu erreichen.
Nur nicht zuviel nachdenken, denn es geht weiter. Bergauf.

40 KM to go. „NUR MEHR“ ein Marathon. Sollte doch schaff bar sein. Doch an meinen vorderen Fußballen machen sich Schmerzen bemerkbar. Blasen? Weder beim Bundesheer noch bei meinem ersten Ultra (55km Wörthersee Ultra) hatte ich bis jetzt mit Blasen zu kämpfen. Und dennoch, jeder Schritt fühlt sich an als würde ich barfuss auf spitzen Schottersteinen laufen.
Glücklicherweise waren die nächsten 20KM ziemlich flach, so dass der Schmerz, mal laufend, mal hinkend, ertragbar war.
Doch die nächsten steileren Trailstücke bergab werden zur Qual. In meinen Hirnwindungen macht sich ein Satz breit: „Ich will nicht mehr!“ Und der kleine Teufel stampft wie ein wütendes kleines Kind mit dem Fuß auf, um seinen Unwillen in mir stark zu machen. Aber ich weiß, ganz tief drinnen, dass ich dieses Rennen erst beendet habe, wenn die Ziellinie HINTER mir liegt.
Auch wenn das im schlimmsten Fall heißen sollte, auf allen Vieren ins Ziel kriechen zu müssen.
Nach der nächsten Labestation (mittlerweile die 7.), kann mir ein kurzer Aufmunterungsversuch eines anderen Teilnehmers wieder auf die Beine helfen.

Ich lernte im Laufe des Rennens mit Höhenmetern umzugehen. Mich bergauf langsam aber stetig immer weiter zu treiben und bergab so gut als möglich Gas zu geben.
Jetzt, bei KM 80, lerne ich mit dem Schmerz umzugehen.
Der letzte Anstieg durch das Reintal über den Stuibenwald liegt vor mir. Es ist nun schon nach 21:30 Uhr und es wird Dunkel und Kalt. Da mischt sich plötzlich auch noch dieses ungute Gefühl der Einsamkeit hinzu.
Der serpentinenartige Trail durch den Wald, der durch seine Dichtheit nicht erahnen ließ wann die Kuppe erreicht ist, schien endlos. Mitten am Weg sitzt plötzlich ein junger Bursche auf einem Baumstamm. Ihm geht das gleiche durch den Kopf wie mir: „Wann sind wir endlich bei der nächsten Verpflegungsstation?“ Zehn Minuten später kann ich Motorengeräusche wahrnehmen und hoffe, dass es sich dabei um die Motorräder der Helfer handelt. Noch nie habe ich mich so sehr über dieses BRUMMMM gefreut wie heute. Denn mir ist klar, die Labestation kann nicht mehr weit sein.
Tatsächlich. Fünf Minuten später bin ich da. Jetzt ist es nicht mehr weit. Noch 10KM to go!
Bei KM 91 drehe ich mich kurz um. Hinter mir kann ich talwärts auf dem Schotterweg der Reihe nach mit verschiedensten Abständen die Lichtkegel der Stirnlampen von den Teilnehmern sehen. Das Bergmassiv des Wettersteingebirges rund um mich nimmt gespenstische Formen an. Der Wind zieht mir über die Nasenspitze. Eine unheimliche aber doch beeindruckende Kulisse, die sich mir hier bietet.
Und da kommt er. Der Moment der mir am meisten prägend in Erinnerung blieb. Mir wird plötzlich klar, dass ich dieses Rennen zu Ende bringen kann. Seit ich das erste Mal davon gelesen habe, dass es Menschen gibt, die 100KM und weiter laufen, habe ich mich gefragt ob ich das auch schaffen kann. Die Bücher von Christian Schiester und Dean Karnazes haben mich so sehr inspiriert, dass es zu einem Traum von mir wurde, auch so laufen zu können.
Und da ist jetzt dieser Moment, an dem ich das für mich selbst Unmögliche möglich gemacht habe.
Die Tränen schießen mir aus den Augen. Ich habe noch nie vor Freude geweint. Dies war MEIN ERSTES MAL!
Am Höchsten Punkt unseres Rennens auf der Zugspitze angekommen, bin ich froh, dass es jetzt „nur mehr“ bergab geht. Doch dass ab diesem Zeitpunkt das Bergab schmerzhafter war als das Bergauf, habe ich in meinem kurzen Höhenrausch wieder vergessen. Und wieder tut jeder Schritt mördermäßig weh. Ein kurzer Blick über Garmisch Partenkirchen in der klaren Nacht hilft über die Schmerzen wieder kurz hinweg. Aber der Abstieg zaht sich- ist das Ziel doch schon SO nahe!
Noch 3 KM! Noch 2KM! Jetzt geht’s auf der Straße das letzte Stück bis ins Ziel weiter. Die Schmerzen lassen nach oder spür ich sie jetzt einfach nicht mehr. Ich hol die große Österreichfahne, welche ich das ganze Rennen für diesen Moment mit mir mitgeschleppt habe, aus dem Rucksack heraus. Ein Zielsprint auf „patriotisch“. Ganz nach meinem Geschmack.
Mit nichts und niemanden tausche ich diesen Moment! Er gehört mir!


Viele Leute haben mich in den letzten Tagen gefragt, wies war. Doch die Gedanken von 101 KM und 5474 Höhenmetern in Wörter zu fassen, fällt mir immer wieder schwer. Die Höhen, die Tiefen, der Zieleinlauf, der Moment bei KM 91 wo du realisierst du kannst es wirklich schaffen und dir vor Glück Tränen in die Augen schießen- sie alle sind nicht vorstellbar wenn du es nicht selbst durchgemacht hast.
Ich wusste, dass ich 55KM laufen konnte, doch es war dann doch fast das Doppelte an Länge. Von den Höhenmetern, die das ganze noch mal um ein Eck schwieriger machen, ganz zu schweigen.

Und heute bin ich mit meinen 23 Jahren eine mächtige Erfahrung reifer. Denn ich weiß jetzt, dass ich weiter über meine Grenzen gehen kann als die meisten anderen Menschen auf dieser Welt je gehen werden.
Und trotzdem bin ich noch lange nicht an meinem Ziel.
Hobbyultras laufen nicht für Wettkämpfe, sie LAUFEN FÜR IHR LEBEN!


Endergebnis: 18:03:17,3
3. Platz der Alterskategorie Damen
und 8. Platz des gesamten Starterfeldes der Damen
FINISHER DES SALOMON ZUGSPITZ ULTRATRAIL

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#3

RE: ZUT 2011

in Rennberichte 07.05.2012 16:31
von Ginungagap • 29 Beiträge

Gratulation zu der tollen Leistung.

Gut, dass du den Bericht nochmal so reingestellt hast, mit dem Runterladen ist es im Internet so eine Sache ;)

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#4

RE: ZUT 2011

in Rennberichte 07.05.2012 19:11
von D aus F • 85 Beiträge

Wow,
gratuliere!

Das macht Mut dran zu bleiben und das beschriebene irgendwann selbst zu erfahren.
Toller Bericht, Danke & Grüße
Daniel

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#5

RE: ZUT 2011

in Rennberichte 07.05.2012 19:44
von Don Downhill • 74 Beiträge

Super! Gratulation!
Das hat mich jetzt richtig heiss auf den diesjährigen Lauf gemacht...


Gruss

Don


"What goes up must run down" - Don Downhill

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#6

RE: ZUT 2011

in Rennberichte 07.05.2012 21:36
von coco87 • 42 Beiträge

danke sehr ;) war ned einfach. aber wie heißts so schön: schmerzen vergehn...

und ich freu mich das ich als hobby läufer anderen auch was weiter geben kann. i bin dieses jahr zwar nicht dabei, aber es wird bestimmt wieder a spitzen lauf! die berge in tirol sind einfach ein traum :)
viel spaß jednfalls!

Und wenn i ganz ehrlich bin, les i ma des immer noch hie und da durch. Und immer wieder kommen mir die Tränen. Ich weiß nicht ob mich je wieder ein Moment so derart mitnimmt, wie dieser bei km 91. keine ahnung was da in mir passiert is, aber nach fast einem jahr spür i no immer dieses gefühl von stolz, erleichterung und unendlichem glück in mir hoch kommen. jetz zwar nimma so stark. aber es is da. und bleibt. wahrscheinlich ewig ein teil von mir. und schon allein deswegn werd i nie wieder aufhören ultras zu laufen.


zuletzt bearbeitet 07.05.2012 21:50 | nach oben

#7

RE: ZUT 2011

in Rennberichte 15.05.2012 15:06
von atman • 61 Beiträge

Und was ist mit ZUT 2012


Non est ad astra mollis e terris via DER SCHWARZE BARON©GRIPMASTER

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#8

RE: ZUT 2011

in Rennberichte 24.05.2012 07:33
von coco87 • 42 Beiträge

Zitat von atman
Und was ist mit ZUT 2012


wie meinst des?

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